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Leutmannsdorf
Kreis Schweidnitz
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Geschichte
+ Ansichtskarten
Daten + Zahlen
Verschiedenes Adressbuch
Quellen
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Erlebnisbericht
Ingrid Lehnert Sonntag, 27.04.08 Bis 1945 wohnte er laut Adressbuch von 1929 in Leutmannsdorf Grundseite 52 (heute: Lutomia Dolna, 257 – 260 m ü.M.). Eine mir bekannte Polin in Cottbus organisierte mir über das Internet: info@pokoje.swidnica.pl zwei Adressen in der Nähe von Leutmannsdorf, die nicht so teuer sind. (Leider gibt es angeblich keine Pension in Leutmannsdorf selbst.)Einmal eine Pension in 58-100 – Swidnica (Schweidnitz): Danuta Matuszyk, ul. Bobrzanska 39, Tel. 0048 – 74 – 853 – 64 –23, mobil: 0048 – (0) 660-05 78 58. Ich entschied mich für
die Familie Grabczynski Zbigniew Der Kauf der Zugfahrkarte gestaltete sich schwieriger: eine Fahrkarte nach Legnica (ehemals Lignitz) war schnell gekauft, aber nicht nach Moscisko. Und da ich annahm, man könne im Sinne der EU mit Euro bezahlen, sah ich vor meiner Abreise keine Veranlassung Zlotys „einzukaufen“, was sich als Fehler erwies. Deshalb hier der Hinweis: bei der polnischen Bahn ist der Euro noch nicht erwünscht. Nun sitze ich hier im Zug, höre Polnisch, was ich überhaupt nicht verstehe, und steuere Zagan an (Ankunft mit dem EC 240 planmäßig 12:53 Uhr), der letzte Halt vor meinem Ausstieg in Legnica um 14:14 Uhr. Eine Einstimmung auf meine bevorstehenden Erlebisse erfahre ich im Zug mit einem sehr lieben amerikanischen Ehepaar aus New-York Country, die in Krakow ihren Sohn besuchen, der dort verheiratet ist. In Legnica scheint sich eine Katastrophe anzubahnen: keiner spricht Deutsch oder Englisch. Aber wie soll ich ohne Zloty und Fahrkarte nach Moscisko kommen??? Ich gehe auf ein Taxi zu; mit ratlosem Gesicht und Hilflosigkeit ausdrückenden, ausgebreiteten Armen sage ich nur zu dem Taxifahrer: „Zloty! Kantor?“ Es ist r ührend, wie er um deutsche Vokabeln ringt, packt meinen Koffer in seinen Kofferraum, setzt mich auf seinen Rücksitz und fährt mich zu „Kantor!“ (=Wechselstube).Während der Fahrt sehe ich plötzlich ein kleines weißes Niki-Schaf (einen Schlüsselanhänger) an seinem Autoinnenspiegel hängen mit einem kleinen, roten, aufgenähten Herzen. Verdutzt zeige ich auf sein Schaf und auf meinen kleinen schwarzen Niki-Schafanhänger ebenfalls mit einem Herzchen. Der Taxifahrer stellt mir seines vor: “Gertrud!“ Ich antworte mit meinem: “Helga!“ und die Distanz ist aufgehoben. Stolz „erzählt“ er mir von seinem Großvater, der in Berlin-Spandau geboren ist. Wie klein und menschlich doch die Welt ist, denke ich mir: Sein Großvater hat in Polen / Schlesien seine Familie gegründet und ich suche den Geburtsort meines Vaters und das Haus meines Großvaters. Zwei kleine Stoffschäfchen, die zwei Nationalitäten verbinden. Ich bin gerührt. Zu meiner Verwunderung h ält „mein“ Taxi vor einem großen Real-Kaufmarkt (!) und der Fahrer nimmt meine 3 x 50,- Euro-Scheine, lässt mich mit steckendem Autoschlüssel und seinem Handy allein und verschwindet in dem Supermarkt.Ich denke mir:“ Nur die Ruhe! Er riskiert mehr als ich.“ Nach einer Weile kommt er zurück, reicht mir gewissenhaft eine Quittung und einen Stapel Zloty und Münzen, fährt mich zurück zum Bahnhof und setzt mir den Rucksack auf. Ich spüre, wie mich seine guten Gedanken begleiten. Auch die Mitreisenden auf dem Bahnsteig und der Schaffner bem ühen so gut es geht ihre spärlichen deutschen Vokabeln um mir zu helfen. Ich bin dankbar; fühle mich behütet.Wir fahren durch Jaworzyna … = schöne alte Gebäude und viele alte Dampflokomotiven beinahe wie in einem Freilichtmuseum; schöne Landschaft, viel Landwirtschaft. Mir fallen die häufig wiederholten Worte meines Vaters ein: „Schlesien war vor dem Krieg die Kornkammer Deutschlands!“ Jetzt wo ich die fruchtbaren Felder und Äcker sehe, kann ich es nachvollziehen.17:00 Uhr –Ich fahre mit dem Zug in den Bahnhof von Schweidnitz (Swednica) ein und fühle mich wie in einer Zeitreise: hier in der ehemaligen Kreisstadt hatte mein Vater die Berufsschule besucht. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte auch mein Großvater hier eine Zeit lang gearbeitet.21:15 Uhr –Der erste Abend in Moscisko, ca. 1000 Einwohner (ehemals: Zgnily Most = Faul Brück)Oh Gott, nach nur wenigen Stunden weiß ich, warum mein Vater seine Heimat trotz seines Heimwehs nicht wieder sehen wollte. Die polnische Bevölkerung zeigt mir zwei extreme Seiten: Einerseits gibt es einige gutmütige und sehr hilfsbereite und liebenswürdige Menschen: Gleich nach meiner Ankunft „fragte“ ich einen Autofahrer nach „meiner“ Pension, indem ich ihm die Adresse zeigte. Er ließ einfach sein Auto mit Schlüssel im Zündschloss und offen stehender Tür stehen und ging mit mir zu der wenige Meter entfernten Pension. -Lieb! – Dann traf ich Szczepan (Stefan), ein lieber Mensch, der mit dem Pfarrer von Lutomia befreundet ist. Er empfiehlt mir den Pfarrer Bogdan Deren aufzusuchen. Er sei ein sehr guter Mensch und den deutschen Heimatsuchenden gegen über recht hilfsbereit. Manchmal organisiert er sogar für die deutschen Besucher Betten in privaten Häusern. Szczepan spricht ziemlich gut Deutsch.Im einzigen Lebensmittelgesch äft in Moscisko (So 8 – 20 Uhr und Mo-Sa 6 – 22 Uhr geöffnet) fand man bald eine Nachbarin unter der Kundschaft, die gelegentlich in Deutschland als Saisonarbeiterin tätig ist : Katharina (=Kascha) half mir lieb und geduldig. Sie bedauerte, dass sie am übernächsten Tag zum Spargelstechen nach Deutschland fährt, ansonsten hätte sie mir gerne geholfen nach Lutomia (Leutmannnsdorf) zu kommen, da es weder Busverkehr noch Taxis gibt.Das ist wohl das Wichtigste hier auf dem Land: mit einem Auto ist man hier wesentlich flexibler. Andererseits lernt man in seiner Hilfebedürftigkeit so manchen lieben Menschen kennen. Ein alter Mann (leider stark angetrunken) kam neugierig und erkundigte sich nach meinem Anliegen, wollte gerne helfen, ganz ungefragt. (Ich finde es traurig, wie viele stark Angetrunkene das Dorfbild von Moscisko prägen in der Gegenwart einiger Kinder und Jugendlicher.) Auf dem Heimweg bedrohte mich ein aggressiver Hund auf der Stra ße, dem ich nicht ausweichen konnte und vor dem ich Angst hatte.Überhaupt gibt es auffallend viele sehr laut kläffende Hofhunde in diesem Dorf. Obwohl ich Hunde eigentlich liebe, schien mir dieser giftige Zottel-Mischling doch etwas zu aggressiv. In meiner Not „sprach“ ich ein Ehepaar an, das in seiner Haustür stand um die Abendluft und die wunderschöne Baumblütenpracht in ihrem Garten zu genießen. Nur zwei oder drei unverständliche Worte meinerseits an den Hausherrn und schon kam er an`s Gartentor. Ich versuchte mit wenigen polnischen Vokabeln, Mimik und Gestik ihm klar zu machen, dass ich vor diesem speziellen Hund Angst habe und mich nicht in die Pension traue. Ohne zu zögern begleitete mich seine Gattin auf der Straße an dem Hund vorbei. Nachdem er noch einmal hinter mir herlaufen wollte, kam auch die Mutter oder Schwiegermutter hinzu, die den Hund auf Polnisch beschimpfte, er solle mich in Ruhe lassen und weglaufen, was er dann auch tat. –So viel Liebes!- Was die Pension anbelangt, so hat sie sicherlich zwei gro ße Vorteile:1. sie ist die einzige weit und breit; sie bieten zwei Zimmer mit bis zu 5 Betten für jeweils 60,- Zloty pro Nacht ohne Frühstück; 2. liegt sie nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Die Hausdame spricht zwei Worte Deutsch: “Guten Morgen!“ und kein Wort Englisch. Gott sei Dank, habe ich in Cottbus eine liebe Bekannte, die jeden Abend angerufen hat um das Wichtigste für mich zu übersetzen. Bin ich zu pingelig oder zu anspruchsvoll? Ich kann es nicht objektiv
beurteilen, aber die Sauberkeit im Zimmer entsprach nicht meinen Vorstellungen. Ich hoffe, dass ich morgen den Pfarrer Bogdan D. kennen lerne. Ich bin ja so gespannt auf LEUTMANNSDORF!! Die Fahrt war aufregend und anstrengend. Unz ählige Eindrücke.Wenn ich bis jetzt alles Positive und Negative abwiege, dann muss ich sagen: es überwiegt das Positive. Die Landschaft ist lieblich, weiche Hügel am Horizont und unzählige liebe, hilfsbereite Menschen, die mich nicht als Feindin oder Eindringling betrachten, sondern als ungewöhnliche aber hilfebedürftige Person, die ihre Wurzeln sucht. Ich bin so dankbar hier sein zu dürfen. Aber es war wohl doch gut, dass mein Vater seinem Heimweh nicht nachgegeben
hat und hierher kam. Es braucht schon –trotz aller Gastfreundschaft- eine gehörige Portion Toleranz dazu, die gewohnten Bilder aus der Vergangenheit zu vergessen und die ganz andere Lebensweise der jetzigen Hausbewohner zu akzeptieren. Trotzdem bin ich sehr froh hier zu sein (für mich ist es auch wesentlich leichter Toleranz zu üben, da ich nicht auf Erinnerungen zurückgreifen kann). Ich bemühe mich ganz besonders die schönen Wiesen und Weiden und die wunderbare Blütenpracht auf den Bäumen und in den Gärten zu genießen. Mal sehen, wie ich Leutmannsdorf erleben werde!? – Gute Nacht !-Montag, 28.04.08 - 07:00 Uhr Mir geht der etwa 16jährige Junge von gestern Abend in dem Lebensmittelgeschäft nicht mehr aus dem Kopf. Er war so fasziniert von „der fremden Frau“, suchte ständig meine Nähe und meinen Blickkontakt. Eine sanfte, weiche Seele. Ich hatte das Gefühl, als würden wir uns schon lange kennen. Meine bisherigen Erkenntnisse in wenige Worte gefasst: 1. Man braucht unbedingt vor Antritt der Reise Zloty
2. Es ist extrem schwierig, ja fast unmöglich
ohne Dolmetscher zu recht zu kommen. Viel zu wenige Polen auf dem Land
sprechen Deutsch oder gar Englisch. 16:15 Uhr - Zur ück in „meinem“ Zimmer -Ein unbeschreiblicher, facettenreicher Tag liegt hinter mir. Am Verhalten der Menschen mir gegenüber kann man nicht nur ihren Charakter erkennen sondern auch ihre bereits gemachten Erfahrungen mit Deutschen, die hier ihre Heimat besuchten. Mein Tag war angefüllt mit aneinander gereihten „Wundern“: Ich hatte mir vorgenommen die wenigen Kilometer von Moscisko nach Leutmannsdorf zu wandern. Das Wetter war wunderschön, die Sonne schien, überall die herrlich blühenden Obstbäume. Auch war es mir wichtig ganz bewusst stellvertretend für meinen Vater und meinen Großvater Leutmannsdorf zu „betreten“ um den Kreis zu schließen und damit Frieden mit der Flucht und dem Verlust der Heimat. Ich genoss die weichen, lieblichen Hügel des Eulengebirges (zwischen 520 bis 667 m ü.M.) im Hintergrund. Am Straßenrand unzählige Löwenzahnblüten. Ich denke für mich: der Löwenzahn kennt keine Verständigungsprobleme. Alles hat nat ürlich auch seine Schattenseite. So auch mein besinnlicher Spaziergang.Immer wieder überholten mich überwiegend junge Autofahrer, die sich und ihr wichtigstes Prestigeobjekt, das Auto, mit viel zu hoher Geschwindigkeit produzierten, wobei es interessanterweise hauptsächlich deutsche Autos sind; ab und zu sieht man auch mal einen „Franzosen“. Ich frage mich dann immer, warum haben die Polen nicht den Ehrgeiz selber polnische Autos mit diesem Niveau zu bauen? Wer weiß die Antwort? Pl ötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich mich umdrehen sollte. In diesem Moment hielt ein kleines, bescheidenes Auto neben mir und der Fahrer fragte mich auf Polnisch, wo ich hin wolle und ob er mich mitnehmen kann. Ich „fragte“: “Lutomia?“Er antwortete: „Tak, tak.“ und wies mich an in sein Auto einzusteigen. Auf dem Rücksitz lag ein riesiger, liebevoller Trauerkranz. Ich dachte nur: Na, das passt ja, wo ich doch meine Vorfahren zumindest geistig in Leutmannsdorf beerdigen will. Ich kann nicht erklären warum, aber obwohl er kein Wort Deutsch oder Englisch sprach und ich maximal 20 polnische Vokabeln beherrsche, haben wir uns „unterhalten“. Er war auf dem Weg zum Friedhof und zum Pfarrer Bogdan D. von Lutomia um seinen Vater zu beerdigen. Der Sohn war sehr traurig über dessen Tod. Ich musste sofort weinen, weil ich darin eine Art Schicksal und Symbolik sah für meinen verstorbenen Vater und Großvater. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich nicht umsonst in diesem Auto saß mit einem Trauerkranz für einen Vater auf dem Rücksitz. Natürlich konnte ich dem guten Mann nicht erklären, warum ich weinen musste, dazu reichten meine 20 Vokabeln nicht aus. Aber er tätschelte liebevoll meine Hand und tröstete mich auf Polnisch mit einer ganz lieben, Anteil nehmenden Stimme. Plötzlich sagte er auf Polnisch: “ Weine nicht! Mein Vater ist gestorben nicht deiner. Sei nicht traurig!“ TRAUER VERBINDET MENSCHEN; Die Situation war kurios: Ich verstand plötzlich
Polnisch, obwohl ich es nicht beherrsche, und er tröstete
mich, obwohl er der Trauernde war. Endlich fiel dem Pfarrer ein, dass es noch einen alten
„Einheimischen“
gibt, Stefan F., der zumindest ein Nachbar von meinen Großeltern
gewesen sein muss im unteren Leutmannsdorf –
Lutomia-Dolna. Gleich hinter dem ev. Kirchturm endet Lutomia-Gorna. Die 12 km bis Swidnica
– Schweidnitz können
bequem mit dem Autobus geschafft werden (Abfahrt ab ev. Kirchturm z.B. um 13:10
Uhr). Mehrere Haltestellen verteilen sich auf das ca.11 km lang gestreckte Dorf,
das sich an das Leutmannswasser, einem schönen
Bach anschmiegt. Als ich zurückkam, zog es mich irgendwie noch einmal zur kath. Kirche hin, die auf einem kleinen Hügel in der Mitte zwischen Lutomia-Gorna und Lutomia-Dolna steht. Der geteerte Fußweg ist mit schönen, alten, dicken Bäumen gesäumt wie eine kleine Allee. Es war ein prickelndes Gefühl zu wissen, dass diese Bäume bereits meine Vorfahren gesehen hatten. Ü brigens habe ich zwar leider keine Unterkunft / Pension in Lutomia für Besucher gefunden, da zu der Zeit viele Polen wegen des verlängerten Wochenendes hier zu Besuch waren, dafür aber eine Arztpraxis, fünf Lebensmittelgeschäfte, eine Apotheke, eine Poststation, ein Gymnasium und eine Bar, wo man etwas essen kann.Seltsamerweise gibt es in Lutomia keinen einzigen Bäcker,
obwohl das Brot im Laden nicht so gut schmeckt. Nun zurück zur
Kirche: wie gesagt zog es mich in das Gotteshaus, in dem der Gottesdienst für
den Vater meines „Chauffeurs“
abgehalten wurde. Dann bot Stefan F. sich an mich in das nahe gelegene Krzyzowa – Kreisau zu fahren zu einer phantastischen, niederschlesischen Begegnungsstätte für den Austausch zwischen Polen und Deutschland. Zur Unterstützung
dieser Arbeit gibt es eine Stiftung: Klasse ! Friedensaufbau auf hohem Niveau ! Zu dieser Begegnungsst ätte gehört auch ein Hotel:Tel.: 0048 – 74 85 00 200 Zwar habe ich die Hotelzimmer nicht gesehen, aber die gesamte Anlage ist so phantastisch sauber und gepflegt, so dass ich davon ausgehe, dass auch das Hotel ansprechend ist. Dieser ehemalige Gutshof des Grafen von Moltke liegt harmonisch eingebettet in ein altes, kleines Dorf in der schönen Landschaft mit Blick auf das Eulengebirge. Anschlie ßend fuhr mich der Leutmannsdorfer nach Swidnica, da ich unbedingt noch Zloty brauchte.Das muss man wissen: Geld öffnet bei den meisten Polen ganz besonders die „Herzen“. Auf jeden Fall wird die Hilfsbereitschaft dadurch wesentlich verstärkt. Nebenbei bemerkt fiel mir auf, dass die Atmosphäre
und die Bevölkerung von
Moscisko und Lutomia sich erheblich von einander unterscheiden, obwohl nur 3-4
km Distanz dazwischen liegen. Ich habe heute wieder so viel erlebt, gesehen und einen ganzen 36er Film „verknipst“, wie mein Vater sagen würde. Früher hatte Lutomia
fünf Mühlen,
die frisches Mehl mahlten. Heute gibt es keine einzige, zumindest laut Herrn
F. Auf jeden Fall wird mir täglich bewusst, wie bunt und vielfältig die Bevölkerung hier ist. Es gibt nicht die Polen, zumindest nicht hier vor dem Eulengebirge. Es wirkt eher wie ein Schmelztiegel, in dem viele verschiedene „Typen“ und Mentalitäten eingeflossen sind. Ein weiterer Tipp für
Angehörige /
Interessierte, die Lutomia besuchen möchten: Ich will morgen noch einmal nach Leutmannsdorf wandern, um das eventuelle
Elternhaus meines Vaters zu fotographieren und die neue Hausnummer
aufzuschreiben. Dienstag, 29.04.08
–
5:52 Uhr 11:30 Uhr Seit 9:05 Uhr bin ich unterwegs. Mit ganz wachem und offenem Herzen ging ich durch das Dorf, aber ich konnte das Geburtshaus meines Vaters wieder nicht finden. Wen kann ich bitten, dass er / sie mich dorthin führt??? 19:00 Uhr
– zurück
in „ meinem“
Zimmer – Ganz langsam schlenderte ich durch die einzige Hauptstraße,
in der Hoffnung irgendwie einen Hinweis zu erhalten, welches der alten Häuser
das Geburtshaus meines Vaters gewesen ist. Auf dem Rückweg nach
Moscisko entdeckte ich einen weiteren Ortsteil von Lutomia: Lutomia-Mala. Irgendwie schon enttäuscht und frustriert ging ich langsam in Richtung Moscisko, wobei ich seit langer Zeit `mal wieder zwei Störche auf ihren Storchennestern beobachtete. Das hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Ganz am Ende von Lutomia - Dolna auf dem letzten Hof beobachtete ich ein
älteres Ehepaar bei der
Gartenarbeit. Nach dem gemeinsamen Mahl und einem intensiven Gespräch
verabschiedeten wir uns herzlich wie gute, alte Bekannte. Selten habe ich mich in meinem Leben Menschen innerlich so nahe gefühlt. Das Kuriose war, dass diese Frau von dem Hof gestern während des Gottesdienstes in der Kirche genau vor mir gesessen hatte. –Seltsame Fügungen !- Aufgrund der herzlichen Einladung dieser Menschen und wegen des Charmes von Leutmannsdorf – Lutomia tat mir der Abschied weh und in meinem Herzen hoffe ich, dass ich bald in meine „Wurzelheimat“ Leutmannsdorf wiederkommen darf. Mittwoch, 30.04.08
– 13:00 Uhr –Der
Tag meiner Abreise – Ich habe viel Hilfe von zum Teil sehr g ütigen und liebenswerten Menschen erfahren. Irgendwie traf ich immer im richtigen Moment die richtigen Personen.Wunderbare Fügungen, die mich unterstützten. Dennoch relativieren sich langsam meine Gedanken und Empfindungen. Ich habe das Gefühl, dass der Kreis nun geschlossen ist. Stellvertretend für meinen Vater und meine Großeltern musste ich noch einmal richtig Abschied nehmen. Nach Ende des Krieges sind sie Hals über Kopf nachts über die grüne Grenze geflohen, mussten alles, ihr ganzes „Leben“ zurücklassen um an einem fremden Ort neu zu beginnen. Damals gab es keinen wirklichen Abschied, sondern es war ein plötzlicher Abbruch in einer sehr schweren Zeit. Für mich habe ich meine Neugierde gestillt: ich wollte einfach sehen, warum ich mich in meinem Geburtsort Moers nie heimisch fühlte und weshalb ich seit jeher diese Sehnsucht nach Dorf- und Landleben hatte, nach Gemütlichkeit und Erdverbundenheit. Hier in der Heimat meines Vaters, Manfred Edmund Lehnert, habe ich die Antwort gefunden. Mir wurde klar, dass ich eigentlich hier in Niederschlesien hätte geboren werden sollen und nicht am Niederrhein, zumal der Geburtsort meiner Mutter, Krobsdorf – Krobica bei Swieradow-Zdroj, nur wenige Kilometer von Leutmannsdorf entfernt lag. Jedoch ein schlimmer Krieg und seine Folgen haben es
verhindert. Beeindruckend waren für
mich persönlich die
vielen tiefen, zwischenmenschlichen Begegnungen, die ich erleben durfte. Sie
zeigten mir: Während
meiner tief greifenden Erlebnisse hier in Schlesien habe ich den Text unserer
europäischen Hymne erst
wirklich verstanden. Freude, schöner
Götterfunken, Tochter
aus Elysium Freude heißt die
starke Feder in der ewigen Natur. (Elysium = Gefilde der Seligen; Sph ären = Sternenwelten)
Aufgezeichnet u.a. an Hand eines Videobandes, aufgenommen am 18.04.1995. Einführung: Martha Hedwig Thamm war die Tochter von Franz Bruno Thamm und Anna Maria Güttler. Sie hat am 20.01.1927 in Amsterdam den Hendrik Jacobus van der Velden geheiratet. Das Ehepaar hat zwei Söhne bekommen, die beide noch leben und dessen Namen aus Gründen des Datenschutzes nicht genannt werden dürfen. Am 90. Geburtstag hatte Oma plötzlich angefangen zu erzählen:
Spätere
Dokumente bringen hervor, dass Bruno (wie er sich einfach nannte) Thamm und Anna
Leutmannsdorf war hügelig und Oma hat mal erzählt, dass sie täglich bergauf und bergab gehen musste. Sie wurde geboren in Leutmannsdorf Bergseite. "Ich bin in einem Dörflein geboren und werde in einem Dörflein sterben", sagte sie am Ende des Videobandes. Das war richtig, Martha Hedwig ist am 10.01.1999 in Kortenhoef, einem kleinen Dorf in den Niederlanden, gestorben. Die lange Reise nach Amsterdam Wie kam
Martha Thamm von Berlin nach Amsterdam? Na, mit dem Zug könnte man sagen, aber
das ist hier nicht die richtige Antwort. Sie wurde vom Pfarrer der St.
Aloysiuskirche gefragt. Diese befand sich in der Ofenerstraße in Berlin, in
einer alten Fabrikhalle, eine Straße weiter als die Türkenstraße, wo die Familie
Thamm wohnte. Man hat den Pfarrer aus Amsterdam gefragt, ob er nicht ein junges
Mädel kennt, dass als Kindermädchen in Amsterdam arbeiten möchte.
Familienmärchen Bruno
Thamm war lange Zeit eine Große Unbekannte. Ungewiss war, wo er geboren wurde
und wann er starb. Nur der Sterbeort (Berlin) war bekannt. Mit Hilfe der Pfarrei
St. Aloysius in Berlin wissen wir jetzt, dass Bruno Thamm am 19.02.1940
gestorben ist. Die Beerdigung fand am 24.02.1940 auf dem St. Sebastian Friedhof
in Berlin statt. Soweit die Phantasie. Die Realität, so hat sich heraus gestellt ist, dass Franz Bruno Thamm am 30.04.1882 in Groß-Merzdorf geboren wurde als Sohn von Anna Thamm (unverheiratet) und einem unbekannten Vater. Am 30.01.1884 ist das Kind anerkannt vom Dienstknecht Josef Opitz. Geheiratet wurde nicht, deshalb behielt das Kind den Namen Thamm.
Richard Keijzer, Hilversum 12. August 2008
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